Mittwoch, 17. Februar 2010

Lilith - das verdrängte weibliche Prinzip

Eine Freundin gab mir gestern das Heft Pentagramm - Lectorium Rosicrucianum 4/2008. Anlass: der Artikel "Lilith - das verdrängte weibliche Prinzip" in jenem Heft ab Seite 18. Ich finde diesen Artikel so interessant, dass ich Auszüge hier dazu stelle. Zudem bin ich interessiert, verschiedene Facetten von Lilith zu sammeln. Ohne Wertung - möge sich jeder sein eigenes Bild daraus erschaffen.



Als Gott den ersten Menschen erschaffen hatte, sagt er: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" und schuf ihm eine Frau - gleich ihm - aus Erde und nannte sie Lilith. Lilith: Aus Erde erschaffen, mit der Luft durch Flügel verbunden. Bald begannen sie zu streiten (...) Sie sagte zu ihm: "Wir sind beide gleich, wir sind aus Erde geschaffen." Adam aber wollte ihr übergeordnet sein, und so kam es, dass Lilith sich in die Lüfte schwang und entschwand.

So heißt es im babylonischen Talmud.  Die Geschichte berichtet weiter, dass Gott drei Erzengel aussandte, die Lilith zurückbringen sollten. Sie fanden sie in der Wüste, in den Fluten des Roten Meeres. Sie weigerte sich aber, umzukehren.  Der Gott, der hier genannt wird, ist nicht der reine Geist, das ursprüngliche Lichtfeld, das alles in sich trägt und aus dem alles entsteht. Die Nag-Hammadi-Texte zeigen, dass der Schöpfungsbericht des Alten Testamentes sich auf eine niedrigere, zweite Schöpfungsspirale bezieht. Das Urprinzip geistiger Schöpfung aus der Vater-Mutter-Gottheit im fortwährenden Zusammenwirken des Kosmisch-Männlichen mit dem Kosmisch-Weiblichen ist hier schon verletzt. Ein neidrigerer, dialektischer Schöpfergott, Jaldabaoth oder Jehova genannt, erschafft eine verzerrte Projektion des geistigen Licht-Adams. Über Jaldabaoth heißt es in den Apokryphen:

Er aber, der Überhebliche, wurde nun anmaßend auf Grund des Lobpreises der Mächte. er wurde ein eifersüchtiger Gott. Und er wollte ein Bild schaffen als Ersatz für ein anderes Bild, und eine Gestalt als Ersatz für eine andere Gestalt. Also beauftragte er die Mächte, in seiner Vollmacht sterbliche Körper zu bilden.


Lilith, die Trägerin des urweiblichen Urprinzips, verweigert sich also nicht dem göttlichen Licht, sondern den Gesetzen des Authades, eines gefallenen Äons. Im Lilith-Mythos wird dargestellt, wie im kollektiven höheren Selbst der Menschheit eine Abspaltung erfolgt ist, die auf eine bewusste Integration wartet. Die verzerrte Projektion und Ersatzschöpfung des Jaldabaoth kann nur so lange existieren, wie das männliche Prinzip ein Zusammenwirken in wirklicher, gleichwertiger Einheit verweigern. Im ursprünglichen Schöpfungsplan, im Wirken des Pleroma, ist die Zusammenarbeit der beiden kosmischen Ströme in vollkommener gegenseitiger Hingabe ein elementares Grundgesetz:

Darum ist ein Geistbild, in dem nicht Männlich und Weiblich vereinigt sind, nicht himmlischer Art (...) An einem Ort, wo sich nicht Männlich und Weiblich vereinigt finden, schlägt das Allheilige nicht seinen Wohnsitz auf und auch der Segen findet sich nur an einem Orte, der Männlich und Weiblich vereinigt. (Aus: Der Sohar, Das heilige Buch der Kabbala)

So endet Lilith in der Wüste am Roten Meer, verloren und verdammt in den astralen Bewegtheiten der Jaldabaoth-Schöpfung. Dort, in der tiefsten Wildnis des dialektischen Seins, wird sie verflucht als Dämonin, als Männerverführerin und als Kinderverschlingerin. Ihr Name ist "Mutter der Totgeborenen".

LEBENSPENDENDER HIMMEL UND EMPFANGENDE ERDE - IDEE UND FORMGEBUNG
Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen über den Lilith-Mythos. Lilith gilt als Archetypus der wilden, ungezähmten Frau, auch als die erste strahlende Heldin im Kampf der Geschlechter, die sich nicht unterdrücken ließ und auf der Gleichberechtigung von Mann und Frau bestand. Bilder und Symbole sind die Sprache der Schöpfungsberichte aller Völker und Kulturen. Darin werden die mächtigen Kräfte und Wirksamkeiten des Urgrundes angedeutet. So können wir auch dem Lilith-Mythos eine andere Bedeutung zuerkennen als die eines um Gleichberechtigung streitenden Paares. Hinter den persönlichen Gestalten lassen sich zwei Prinzipien erkennen:
Adam - der lebenspendene Himmel und
Lilith - die empfangende Erde.
Diese beiden Prinzipien sind vollkommen gleichwertig. Eine Idee ohne Möglichkeit der Offenbarung bleibt genauso kraftlos wie die Hervorbringung unzähliger Formoffenbarungen ohne strukturgebende Idee.
Im Zerbrechen der Einheit der beiden kosmischen Prinzipien - männlich und weiblich - vollzieht sich eine der vielen Phasen des Falls der Schöpfung in die Materie.

Die Erzengel finden Lilith in den Fluten des Roten Meeres: Das weibliche, astrale Prinzip hat sich in seinen eigenen Bewegtheiten verloren.

Der Name Lilith bedeutet auch: das Mädchen, das sich des Lichtes bemächtigte. Hier zeigt sich die Verwandtschaft mit dem gefallenen Erzengel Luzifer. Es ist gewiss kein Zufall, dass die Legende von einer Vermählung Liliths mit Luzifer berichtet. Lilith wird so zur "Mutter der Totgeborenen". Die Totgeborenen sind einerseits die Menschen dieser Natur. Andererseits können es auch die vielen Gemütsströmungen in uns sein, die in unseren Herzen zur Projektionsfläche für Begierde, Gefühle und Lüste werden. Die Kräfte der Dialektik, symbolisiert durch den niederen Schöpfergott Jaldabaoth, haben für ihr Fortbestehen die Verdammung eines der beiden Urprinzipien nötig.

ABWERTUNG DES WEIBLICHEN AUS DER ANGST VOR DER WIRKSAMKEIT ASTRALER KRÄFTE
In der Abspaltung und Verdammung des weiblichen Urprinzips liegt eine Erklärung für das Bild der Frau, das sich durch die Jahrtausende hin entwickelt hat. Darin liegt auch die Ursache für einen großen Teil der Angst vor dem weiblichen Prinzip. Der andere Teil dieser Angst entsteht aus dem unbewussten Wissen um die ungeheuren Dimensionen und Wirksamkeiten des Astralen. Aus fast allen Berichten über Lilith spricht diese Angst. Wenn die dunklen, zerstörerischen Kräfte und die gefährliche Sexualität der Lilith geschildert werden, dann ist das eine bildhafte, hilflose Beschreibung der Gefahren, die im weiblichen Prinzip verborgen sind.
Die "Angst vor der Frau" ist eigentlich eine Warnung, eine Furcht vor den magischen und bindenden Wirkungen des Gemütes, vor der Reichweite der astralen Kraft, die in Frauen genauso wirkt wie in Männern.
Aber den Frauen ist sie als urweibliches Prinzip vertraut. Aus dieser Vertrautheit entsteht das Wissen um ihre negativen Aspekte. Das Wirken des Urweiblichen liegt auch der Entstehung vieler Schönheitskulte und immer neuer Schönheitsideale zu Grunde.
Dahinter verbirgt sich nur vordergründig der Wunsch zu gefallen. Die Lust des weiblichen Prinzips an der Selbstspiegelung hat ihre Wurzeln in der Sehnsucht nach der Spiegelung im Göttlichen, nach der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes.
In der Schrift Abhandlung über die Seele heißt es:
So also schmückte sich die Seele in ihrer Schönheit und begegnete ihrem Geliebten. Und auch er liebte sie (...) Und sie schmückte sich herrlicher, damit es ihm gefalle, bei ihr zu bleiben.

Männern erscheint die Wirksamkeit astraler Kräfte oft fremd und unheimlich. Die Angst vor den Kräften aus dem eigenen Inneren wird manchmal nach Außen, auf die Frau, projiziert. Das führt zu einer Abwehr bei gleichzeitiger, starker Anziehung, denn im Kern sehnen sich beide Prinzipien nach Erlösung, nach Wiedervereiningung. Ein Abbild der ersehnten Wiedervereinigung zeigt sich in der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Hier herrscht große Verwirrung, ein endlos währender Tanz der Geschlechter zwischen den Polen von Anziehung und Abstoßung. Und im Inneren der menschen vóllzieht sich der gleiche Tanz der Prinzipien im Kampf zwischen Herz und Haupt.

GEMEINSAM AUF EIN ZIEL BLICKEN
Diese Aufgabe ist allen Menschen in die Wiege gelegt. Sie wird nicht nur in den Ursprüngen unserer christlichen Kulutr angedeutet, sondern in den Mythen aller Kulturen der Menschheitsgeschichte. Denn alle Mythen kommen, wie der große Mythenforscher Friedrich von Schelling feststellt, aus dem Inneren des Bewusstseins selbst. Daran werden wir bis in den tiefsten Grund unserer Wesens geprüft. Sie können uns näher zu uns selbst führen und zur Erkenntnis dessen, was unsere wahre Existenz und Aufgabe als Mensch in dieser Welt ist. Für diese Aufgabe werden die Prinzipien immer wieder zusammen geführt, aber immer wieder stößt das eine das andere ab. Verzweiflung, Verwirrung und hilflose Wut sind oft die Folge. Jedoch aus Krisen ensteht Bewusstsein und Bewusstsein führt dazu, den anderen zu erkennen und anzunehmen.

Daraus entwicklet sich Akzeptanz für die Tatsache, dass sich in einer dialektischen Welt die Pole zwar weitgehend annähern können, es jedoch nicht möglich ist, dass sie vollkommen verschmelzen. Immer wieder wird das Trennende erfahren und das Unvollkommene empfunden.

Erst auf der Basis einer neuen Seele, die sich in beiden, in Mann und Frau entwickelt und beide Prinzipien enthält, kann sich deren Integration vollziehen. Vollständige Reinigung und Umstrukturierung des Herzens und des Hauptes ermöglichen es als Basis, dass die erneuernden Kräfte der Übernatur, in der beide Ströme harmonisch zusammenwirken, sich im Menschen verwirklichen können. Das Herz, der Sitz aller selbstbespiegelnden Wirksamkeiten, muss ruhig, ausgeglichen und still werden, ein reiner Spiegel sein für die Impulse aus dem göttlichen Lebensfeld, die dann in das Haupt projiziert werden können.

Durch eine solche Wiederherstellung der Herz-Haupt-Einheit im menschlichen System erhält das göttliche Licht die Möglichkeit, sich im Menschen zu entfalten. Infolgedessen entwickelt sich ein neues Wesen im menschlichen System, das bewusst und erfüllt von Liebe mit dem Lichtfeld der Ewigkeit verbunden ist.

Können wir als Menschen überhaupt erfassen, welches Wunder sich in uns vollziehen kann? Erkennen wir die Bedeutung dieser "wunderbaren Geburt"? Wissen wir, was es heißt, dass im Menschen ein neuer, ein göttlicher Mensch geboren werden will? Es lässt sich vielleicht erahnen. In dieser Ahnung liegt ein großes, heiliges Schweigen verborgen, das Raum schafft für die Arbeit des Lichtes und den Menschen zur inneren Abkehr vom lauten Treiben der Welt führt, obwohl er mitten darin steht. Wenn dieser Prozess auch mit dem Verstand nicht zu erfassen ist, so sind doch seine Zeichen erkennbar. Die göttliche Hand bleibt unsichtbar, jedoch zuweilen kann es gelingen, einen Teil des Bildes zu erfassen, das sie entwirft. Der Prozess der Wiedervereinigung von Herz und Haupt findet seine äußere Entsprechung im Zusammenwirken der Menschen, die diesen Prozess erleben. Dabei blicken sie nicht aufeinander, sondern gemeinsam in eine Richtung, auf ein Ziel: die Wiedervereinigung aller mit dem Göttlichen. Und sie vollenden das Werk, für das sie bestimmt sind.


Quelle: Pentagramm - Lectorium Rosicrucianum 4/2008
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Kommentare:

  1. Ich habe den Artikel damals geschrieben und finde es fast witzig, dass ich bei einer neuen Recherche über Lillith hier auf meinen eigenen Text stoße. Ich würde aus heutiger Sicht einige Aspekte hinzufügen:
    1. Der Mensch ist im Ursprung ein Hermaphrodit, in dem Mann-Frau als Tendenz, aber in Einheit vorhanden sind, und zwar gleichberechtigt. Der Kampf der Geschlechter ist die beste Waffe in den Händen der Kräfte, die die Trennung aufrecht erhalten wollen.
    2. Wenn der Kampf endet, können sich die Pole im gesamten Kosmos neu zu einer Einheit formieren, die an keiner Stelle ihre individuellen Eigenarten negiert. Oder besser ausgedrückt können die Pole auf diese Art neu wahrgenommen werden.
    3.Je mehr Menschen diesen Prozess zur neuen Wahrnehnumg, zur neuen Bewusstheit vollziehen (ich hab es neue Seele genannt), umso mehr wird auch die Welt sich wandeln können und zu einer echten Schule des Menschen werden, der sich die Welt nicht etwa untertan macht im Sinne von Gewaltherrschaft, sondern im Sinne von ordnen, strukturieren und bewahren. Dann bietet sie das optimale Feld für die Erfahrungen, die die menschlichen Seelen brauchen für ihren nächsten Schritt, das Werk, für das sie bestimmt sind.

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  2. Zweiter Teil:
    In dem Pentagrammartikel fehlt ein Absatz, der der Endredaktion zum Opfer gefallen ist, der mir aber nicht unwesentlich erscheint:


    "Männern erscheint die Wirksamkeit astraler Kräfte oft fremd und unheimlich. Die Angst vor den Kräften aus dem eigenen Inneren wird nach Außen, auf die Frau, projiziert und führt zu einer Abwehr bei gleichzeitig starker Anziehung, denn im Kern sehnen sich beide Prinzipien nach Erlösung, nach Wiedervereinigung. Ein Abbild der ersehnten Wiedervereinigung zeigt sich in der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau. Da herrscht grosse Verwirrung, ein endlos währender Tanz der Geschlechter zwischen den Polen von Anziehung und Abstoßung. Im Inneren der Menschen vollzieht sich derselbe Tanz der Prinzipien im Kampf zwischen Herz und Haupt. Während die Welt in den Zeiten der lunaren, matriarchalen Kulturen, geprägt war von den Wirksamkeiten des Astralen, ist es seit dem Aufsteigen der solaren, patriarchalen Religionen das Haupt, das Rationale, das im Vordergrund steht. So kann man die Verdrängung des weiblichen Prinzipes, wie im Lillith-Mythos beschrieben, auch als den Übergang vom matriarchalen zum patriarchalen Zeitalter sehen.

    Das Übergewicht des Patriarchalen eskalierte einst in der Verbrennung zahlloser Frauen, die als Hexen bezeichnet wurden. Es war und ist eine Triebfeder für die weltweit auftretende Unterdrückung von Frauen. Frauen wurden und werden immer noch entrechtet, geschändet, verkrüppelt und getötet. Im „Malleus Malleficarum“ von 1486-87, einer Litanei des Hasses gegen Frauen heisst es:

    „ Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben ableugnet, was die Grundlage für die Hexerei ist....Suchen wir nach, so finden wir, dass fast alle Reiche der Erde durch die Weiber zerstört worden sind......Daher ist es auch kein Wunder, dass die Welt jetzt leidet unter der Boshaftigkeit der Weiber...Wenn die Welt ohne Weiber sein könnte, würden wir mit den Göttern verkehren“.
    (Vera Zingsem: Lilith, Adams erste Frau, S.130)

    Die Kraft dieses Hasses auf alles Weibliche wirkt in unserer Zeit weiter. Wir finden sie in verschiedenen Formen der Gewalt gegen Frauen, auch in der harmloser erscheinenden Ungleichbehandlung von Frauen auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens. Die Verletzungen, die das weibliche Prinzip davon getragen hat sind tief und schmerzhaft.
    Wohin hat uns das geführt? Wohin ist Adam gekommen als Herrscher über das weibliche Prinzip? Eine Welt, in der die rationale, stets vorwärtsdrängende, dynamische und aggressive Kraft des Männlichen die Übermacht hat, ist eine kalte, kriegerische Welt der einsamen Kämpfer. Es ist die Welt stets effektiver werdender Vernichtungswaffen, gentechnologischer Experimente und eine Welt zunehmender Ausbeutung unseres Lebensfeldes. In seiner Angst vor der Kraft des Weiblichen hat Adam sich verlaufen im Labyrinth des kalten Intellektes. Die Lösung kann nicht in der Umkehrung, in der neuerlichen Entwicklung einer matriarchalen Kultur liegen. Mit einer Umkehrung der Machtverhältnisse, mit einem Austausch der männlichen Übermacht gegen eine weibliche, ist niemandem geholfen. Die Bewältigung der großen erlösenden Menschheitsaufgabe kann nur in einem bewussten, gleichwertigen Zusammenwirken der Träger der Urprinzipien erreicht werden."
    Am Ende des Artikel stand ursprünglich noch dieser schöne Text:

    „Wenn der Mann zur Frau wird
    und die Frau zum Mann,
    dann finden sie in sich selbst,
    jenseits ihres mythischen
    Doppelbildes der Einheit
    ihren wahren Ursprung,
    das eine und einzige Urbild im Ungrund.
    Dann sind zwei wieder eins,
    wie es zeitlos ist.

    O Zeiten, die ihr mich hört,
    gebt der Frau dann ihren Platz
    gleichwertig
    über der Tiefe“.
    (E. van Ruysbeek, Poetische Reflexion zum Thomasevangelium, Vers 114)

    Herzliche Grüße
    http://nascita-nene.blogspot.de/

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